Skip to main content

Datenungleichheit

Wir sind umgeben von Dateninfrastrukturen, die darüber bestimmen, welche Daten über uns erhoben werden. Der Zugang zu diesen ist ungleich verteilt. Rechtliche Regelungen – wie das Datenschutzrecht – sehen uns nur als Individuen, obwohl kollektive Antworten notwendig sind.

Published onFeb 11, 2022
Datenungleichheit
·
Datenungleichheit

Mitschrift zu Anna Nosthoff & Felix Maschewski

„An Apple a day keeps the doctor away.” - Apple als Marktführer mit steigendem Absatz normalisiert das Self-Tracking durch Wearables. Dabei geht es weniger um „Selfknowledge in Numbers“, sondern um eine (scheinbare) Verbesserung des Selbst, die als Prozess natürlich stets unabgeschlossen sind.

Spätestens seit der COVID-19-Pandemie verändert Apple die Strategie in Richtung Gesundheitsmanagement. Die Smartwatch wird zu einer Forschungsinfrastruktur am Handgelenk. Von Apple verwaltete, exklusive Datenbanken werden als Grundlage weiterer Forschung präsentiert. Aber nicht nur Apple, sondern fast sämtliche Unternehmen der Tech-Elite versuchen, diesen Markt zu bespielen. Es geht um groß angelegte, datengestützte Studien zu Diabetes, Hautkrankheiten etc.

Im Versicherungssektor werden die Veränderungen bereitwillig aufgenommen. In Deutschland ist die Integration von Wearables bisher freiwillig. In den USA beim Versicherer John Hancock ist das Tragen von Fitnessarmbändern bereits obligatorisch. Eine Studie aus der Schweiz weist darauf hin, dass diese neuen Modelle als attraktiv empfunden werden, aber zugleich ein verändertes Solidaritätsempfinden zur Folge haben können („Normative Kraft des Technischen“).

Während der COVID-19-Pandemie hat die Entwicklung um Wearables einen zusätzlichen Schub erhalten. Verily reagierte frühzeitig mit Covid-19 Screening und Testing Sites (Drive Throughs). Die dabei erfolgte „Datenspende“ beinhaltete Informationen zu Wohnort, Ärzt:innen, Gesundheitshistorie, Googleaccount und anderen verschiedensten sensiblen Daten. Später wurden gezielt Produkte zum Kampf gegen die Pandemie entwickelt. Diese und später durchgeführte Studien zur Pandemie festigten das Monopol der Techkonzerne im Gesundheitsbereich.

Anhand dieser Beispiele lässt sich eine Definition überwachungskapitalistischer Biopolitik entwerfen:

  1. datenbasierte wie kybernetische Ausweitung einer nun teil-privatisierten Analytik (Lebensweisen werden erfasst und es wird interveniert)

  2. Vertiefung und Dynamisierung der ehemals statistisch verfassten Biopolitik qua algorithmischer Musteranalyse

  3. Ausweitung des Solutionismus auf den Gesundheitsbereich

  4. Epistemische Autorität (Wissensmacht von Big Tech)

Daraus ergeben sich Formen der Datenungleichheit: Biases der Wearables -> systematische Benachteiligung.

Ein Alternativentwurf wäre digital-demokratische Biopolitik mit vier Dimensionen:

  1. Alternatives Dateneigentumsmodell: Daten als Commons

  2. Epistemische Egalität: Freier Zugang zu Datenbeständen unabhängig von Tech-Konzernen

  3. Infrastrukturelle Deliberation: Infrastrukturelle Macht Alphabet & Apple (Bsp. Corona Warnapp)

  4. Pluralität: Inklusion diverser Stimmen und Disziplinen

Mitschrift zu Thomas Streinz

Infrastrukturen entscheiden, ob/wie Dinge geschehen. Das Recht ist daneben nicht irrelevant, aber kann nur im Zusammenspiel mit Infrastrukturen funktionieren.

I. Datenungleichheit und infrastrukturelle Kontrolle

IT-Landschaft kennzeichnet ungleich verteilte infrastrukturelle Kontrolle (was datafiziert wird, wird an bestimmten Stellen entschieden). Die Rechtswissenschaft sollte mehr Fragen stellen, wie: Was sind Daten, was sind Dateninfrastrukturen, was ist Datenungleichheit, wer kontrolliert Dateninfrastrukturen?

Daten werden häufig als natürlich bestehende Ressource begriffen, aber das ist falsch: Daten existieren nicht ohne Menschen und menschlich geschaffene Infrastrukturen.

Datenungleichheit betrifft dann auch nicht ungleich verteilte Ressourcen, sondern Fragen der Verteilung von Macht! Dezentral erhobene Daten werden häufig zentral konzentriert und ausgewertet.

II. Rechtliche Dimensionen von Datenungleichheit

Fragen: Wohin fließen Daten (und wer entscheidet das), wem gehören Daten (und was sagt Dateneigentum aus)? Was leistet Datenschutz? Was leistet Plattformregulierung?

Daten fließen über Glasfaserkabel auf dem Boden der Ozeane wie Telegrafiekabel unter kolonialistischen Vorzeichen. In Zukunft über Satellitenströme. Infrastrukturelle Kontrolle über Daten entscheidend; rechtliche Dimension wird deutlich, wenn hierdurch die Infrastrukturen unter Druck geraten.

Ein rechtlicher Ansatzpunkt ist die Frage, inwiefern die Datenschutzgrundverordnung der europäischen Union (weltweite) Wirkung entfalten kann. Allerdings wird auch hier recht schnell deutlich, dass wesentliche Vorentscheidungen bereits in den Infrastrukturen der Plattformen geschaffen werden.

III. Wie lässt sich Datenungleichheit bekämpfen?

  1. Regulierungsspielräume bewahren

  2. Infrastrukturelle Kontrolle zurückerobern

  3. Transparenz einfordern

  4. Differenzierten Datenzugang ermöglichen

  5. Kollektive Datenregulierung entwickeln

Das meint nicht Open Data, weil Datenungleichheit dadurch ggf. sogar verschärft wird. Stattdessen sind kollektive Ansätze gemeint.

Diskussion

MR: Kann mit der DSGVO gegen Techkonzerne (als Organisationen) vorgegangen werden? Ja klar, aber hätte das auch infrastrukturelle Auswirkungen? Unsicher, da die Infrastruktur im aktuellen normativen Setting vorausgetzt wird? Bsp. Datenportabilität - dafür gibt es häufig schlicht nicht die technischen Möglichkeiten, weil sie als Voraussetzung in der Schaffung des Rechts nicht mitgedacht worden sind.

Kann das Kartellrecht eine Rolle spielen? Mit den aktuellen Prämissen eher nicht (Innovation, Wettbewerb). Vielleicht könnte das Kartellrecht so umgeschrieben werden, dass die Machtfrage stärker gestellt wird.

MP: Die Infrastrukturen sind so komplex, wo soll die Regulierung beginnen? Könnte Scaling Small hier ein Ansatz sein?

Ursprünglicher Ankündigungstext


14.06.2022 - 18:30 Uhr (CET) - online bei Zoom - Zur Anmeldung


Über die Sensoren in unseren Smartphones, Computern und Städten werden Unmengen von Daten für globale Plattformen wie Alphabet oder Facebook generiert. Vordergründig scheinen digitale Endgeräte unsere individuelle Autonomie zu fördern. Jeder Datenpunkt trägt das Versprechen in sich, unser eigentliches Selbst besser kennenzulernen. Der Hunger nach der Datafizierung aller gesellschaftlichen Bereiche ist grenzenlos.[1]

Der Zugriff auf die im Verborgenen ständig wachsenden „Dateninfrastrukturen“ ist jedoch höchst ungleich verteilt.[2] Dafür sorgen nicht zuletzt rechtliche Regelungen: Geschäftsgeheimnisse, Urheberrecht oder das internationale Investitionsschutzrecht verhindern Transparenz. Aber auch viel gelobte Vorkehrungen für die Freilegung staatlicher Daten (Open Data) oder gar individualrechtliche Regelungen wie das Datenschutzrecht sorgen mittelbar für mehr Datenungleichheit.

Wie werden individuelle Freiheitsversprechen zu datafizierten Herrschaftsverhältnissen? Welche Formen des Rechts können diese Schieflage beenden? Hierüber sprechen wir im Juni 2022 in der Ringvorlesung „Ökonomie Macht Recht“ in einem digitalen Event zur Datenungleichheit mit:

Anna-Verena Nosthoff

Anna-Verena Nosthoff ist Ko-Direktorin des Data Politics Lab der HU Berlin, Dozentin am Fachbereich Politikwissenschaften der Universität Wien und FU Berlin, sowie affilliated researcher am Institute of Network Cultures (Amsterdam). Sie forscht v. a. zur Kybernetisierung des Politischen und der gegenwärtigen Relevanz früher philosophischer Kybernetikkritiken (v. a. Anders, Ellul, Flusser, Baudrillard).

Felix Maschewski

Felix Maschewski ist Kultur-, Literatur- und Wirtschaftswissenschaftler sowie Dozent an der FU Berlin. Er ist affiliated Researcher am Institute of Network Cultures (Amsterdam) und dem Data Politics Lab (HU Berlin), Mitglied des PhD-Nets »Das Wissen der Literatur« (HU Berlin/Princeton University) und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Wirtschaftsgestaltung (Berlin).

Thomas Streinz

Thomas Streinz ist Adjunct Professor of Law an der New York University School of Law. Er forscht zum globalen Datenrecht aus einer infrastrukturellen Perspektive am Guarini Institute for Global Legal Studies. Dateninfrastrukturen sind für ihn die technischen, sozialen und organisatorischen Elemente, welche für die Generierung, Übermittlung und Bearbeitung von Daten benötigt werden. Sie sollten im öffentlichen Interesse betrieben werden.


Header: "Big Data: water wordscape" by Marius B is licensed under CC BY-SA 2.0

Comments
0
comment
No comments here
Why not start the discussion?